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Do 08.05.1997:

Das Supermotorrad vom Hinterhof trägt den Spitznamen seines Erfinders

Die "Düse" läßt die Erde beben

Delingsdorf (gms) - Rainer Traupel wischt noch einmal mit einem Tuch über das Motorgehäuse. "Gestern abend war sie richtig dreckig", sagt er. Jetzt blitzen die Chromteile wieder. Und vor Stolz auch ein wenig die Augen des 44jährigen. Denn das Motorrad, das er eben ein wenig rausgeputzt hat, ist in keinem Katalog zu finden. Nahezu alles hat Rainer Traupel selbst gebaut. Sogar der Motor entstand an seinem Zeichenbrett. Nun ist sie fertig, die "Düse V 12", die der Tüftler nach seinem Spitznamen benannt hat, und für deren Motor er ein Patent besitzt.

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Ein Langstreckenmotorrad mit 93 PS Leistung und einem Motorsound, nach dem man auf der Straße bisher vergeblich gehorcht hat. "Die macht Spitze 220", sagt Traupel. Wenn er mit seiner Düse über die Landstraßen düst, "sagen die Leute, daß die Erde bebt." Und vielleicht gibt es von der "Düse" bald sogar eine kleine Serie...

Lübecker Straße in Delingsdorf bei Hamburg: Es sieht nicht gerade nach dem Ort für eine Erfinderwerkstatt aus. Ein Blick in den Kuhstall, vorbei an dem Misthaufen, bis zu der Lagerhalle mit dem grünen Wellblechdach. Bauernhofidylle pur. Ein Ort, an dem man Trecker-Veteranen wieder zum Laufen bringen könnte. Oder die dörflichen Halbstarken zusammenkommen, um ihre Mantas zu tunen. Aber hier ist der Geburtsort der "Düse V 12". Die Halle mit dem Wellblechdach ist vollgestopft mit Spezialmaschinen. Dazwischen eine Hebebühne für Motorräder. Im Nebenraum eines seiner ersten Motorräder: Eine BSA, ebenso umgebaut, wie die meisten Motorräder, die er bisher gefahren ist.

"So hat auch Harley angefangen"

"So hat auch Harley angefangen", schmunzelt er. Ein Ölofen soll ein bißchen Wärme in die 70 Quadratmeter große Halle bringen. Mit mäßigem Erfolg. "Das muß alles noch ein wenig auf Vordermann gebracht werden", sagt er gelassen. Überall stapeln sich Ersatzteile für die Bikes. Vor zwölf Jahren machte er sich, der seit 1971 Motorrad fährt, die ersten Gedanken über ein selbstkonstruiertes Motorrad. "Anfangs arbeitete ich vielleicht eine Woche im Jahr an der Idee", sagt Traupel. Aus Wochen wurden Monate.

Angetrieben wurde er von der Unzufriedenheit über die angebotenen Bikes von der Stange. "Die laufen 80 000 Kilometer", sagt er verächtlich. "Und dann sind die kaputt, oft nicht einmal mehr zu reparieren." So erhalte sich die Motorradbranche ihre Kunden - was kaputt geht, muß teuer ersetzt werden. "Ich wollte ein solides und modernes Bike", sagt Düse über seine Düse. "Auf Plastik habe ich bewußt verzichtet. Ich wollte kein Tupper."

Reparieren, ohne den Motorblock auszubauen

Dafür hat sein luftgekühlter Zweizylinder 1 200 Kubikzentimeter Hubraum, eben satte 93 PS, moderne Vierventiltechnik und je zwei obenliegende Nockenwellen. "Die Maschine ist so konstruiert, daß sie praktisch ist", sagt Traupel, der Maschinenbau studiert hat. Und dann blüht er auf: "Der Motor ist unverwüstlich. Jedes Teil kann man reparieren ohne den Motorblock ausbauen zu müssen."

Die Teleskopgabel, den Tacho und die Reifen hat er im Handel gekauft. Auch die benötigten Schrauben. "Ich bin ja kein Masochist", sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. "Man muß nicht alles selber machen." Aber schon bei den Kugellagern legte er selbst Hand an. Ebenso beim Zahnriemenantrieb der Nockenwellen, dem Motor- und Getriebegehäuse, der Kurbelwelle und all den anderen Teilen. Alles made by Düse. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

Mindestens 250.000 Mark wert

Nach den Plänen vom Zeichenbrett mußte Rainer Traupel, der als Ausbilder bei der Dekra und in Jugendwerkstätten gearbeitet hat, von den Motorteilen Formen basteln. Und sich auf die Suche nach einer Gießerei machen. "Viele machen solche Einzelteilanfertigung gar nicht mehr. Und wenn doch, dann verlangen die unglaubliche Preise für ein einziges Teil." Mit einer kleinen Gießerei in Hamburg-Bergedorf wurde er sich einig. Sie fertigte nach seinen Gußmodellen Motorenteile.

Die Feinarbeit ist dann wieder Düses Sache: feilen, fräsen, schleifen, anpassen, schrauben. Rechnet Rainer Traupel all die Zeit in den zwölf Jahren zusammen, die er an seiner Maschine gebastelt hat, kommt er auf zweieinhalb Jahre Arbeitszeit. Und rechnet er die zu den Materialpreisen dazu, hat seine "Düse V 12" einen Wert "von mindestens 250.000 Mark".

Segen des TÜV mit Trick

Um für die 360 Kilogramm schwere Wundermaschine den Segen des TÜV zu bekommen, mußte Rainer Traupel tricksen. Der Rahmen der Maschine stammt von einer BSA Baujahr 1960. Natürlich wurde der von dem Bastler "kräftig umgebaut". Aber für den TÜV ist die einzigartige Maschine mit dem V-Twin immer noch ein BSA-Umbau - und damit entfielen die lästigen Abgasprüfungen und Zulassungstests. "Mit einem eigenen Rahmen", sagt Traupel, "hätte ich durch alle TÜV-Instanzen gemußt. Und die legen einem Steine in den Weg, wo sie nur können."

Gut 10 000 Kilometer hat Düse mit seiner "Düse" zurückgelegt. Auch eine Urlaubstour haben die beiden inzwischen hinter sich. Eigentlich könnte die "Düse V 12" nun in Serienproduktion gehen. Wären da nicht die Ingenieure in den Konstruktionsbüros der Motorradhersteller. "Ich war so frech, im Hinterhof so ein Motorrad zu bauen", sagt der gebürtige Hamburger. "Das ertragen die Herren in den Entwicklungsbüros natürlich nicht."

Limitierte Auflage statt Serienproduktion

Zwar hätte man sich interessiert nach seinem Wundermotor erkundigt. Aber "in einer Überheblichkeit", die Traupel sauer macht. So hat er den Traum von der Serienproduktion seiner Erfindung erst einmal aufgegeben. "Aber mit ein bißchen Geldverdienen soll es jetzt trotzdem losgehen." Aus dem Düse-Unikat wird eine limitierte Auflage.

"Ich will erstmal fünf Motorräder nachbauen", sagt er. Die Gußteile für den nächsten Motor liegen schon auf der Werkbank in seiner Halle bereit. Nur die Kunden sind noch rar. "Für 30 000 Mark könnte ich sofort welche verkaufen", sagt Rainer Traupel. Doch das verschlingt schon das Material an Kosten. Der Tüftler mit den zerzausten Haaren und dem Wuschelbart wirft nochmal einen Blick über sein Motorrad: Ja, so 60 000 Mark solle seine "Düse V 12" kosten - hergestellt natürlich weiterhin in Handarbeit. Und die Käufer haben wirklich etwas Unvergleichliches. Kein Tupper - und wenn sie mit Düse über die Landstraßen düsen, werden die Leute sagen: "Die Erde bebt".

aus der Rhein-Zeitung von Franz Schanze, Foto: dpa

 
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